Geheime Kulte im Verborgenen

Lesen Sie einen Auszug aus der Reportage:

Geheime Kulte imVerborgenen

Das Leben geheimer Juden in
den hohen Bergen Portugals

Es sei ihr im ersten Jahr nicht leicht gefallen, sich vom Stadt- aufs Landleben umzustellen. Zuvor habe sie in Lissabon gelebt und als Auditorin für ein größeres Unternehmen mit 150 Mitarbeitern gearbeitet. Andererseits kennt sie Landleben, weil ihre Eltern einen Hof besessen hätten. Völlig abgeschnitten vom Stadtleben ist sie indes nicht, liegen doch kulturelle Angebote in einer akzeptablen Entfernung: „Ich fahre nach Guarda, wenn ich ins Theater gehen oder ein Konzert hören möchte. In Covilhã gehe ich ins Kino. Und wenn ich viele Menschen um mich herum haben möchte, fahre ich nach Lissabon.“ Sieben Jahre lebt sie jetzt in einem „sehr alten Dorf mit jüdischem Erbe“. Dessen Alltagsgeschichte sei nur oberflächlich untersucht. „Geheimnisse zu erforschen, ist spannend. Juden mussten zur katholischen Kirche übertreten und katholisch heiraten. Sie wurden auf katholischen Friedhöfen beerdigt. Aber zuhause hatten sie eigene geheime Rituale“. So bringt sie das Leben portugiesischer Juden in früheren Jahrhunderten auf den Punkt. Die Wirklichkeit war jedoch noch viel härter. In Portugal wütete fast 400 Jahre lang die Inquisition. Dass diese Zeit kaum erforscht ist, liegt auch daran, dass bis zum Ende der Diktatur Salazars die Forschung von der katholischen Kirche zunächst behindert worden war, sowohl in Covilhã und Castelo Branco als auch anderen abgelegenen Dörfern der Estremadura und Beira. „Bis heute ist in portugiesischen Schulbüchern kaum etwas über die Inquisition zu finden“, meint Graça.

Durchstreifen und erleben Sie das geheime Leben der Juden in diesem Video.

Nach einem Kirschlikör lädt Graça zur blauen Stunde zum Rundgang durch das heute 2.000 Einwohner zählende Dorf ein. Sie führt zunächst zu einem im barocken Stil erbauten Herrenhaus. „Ein Engländer kaufte es vor einigen Jahren“, erzählt sie. „Aber er bezahlte es nie! So landete es auf einer Auktion. Es war aber unverkäuflich. Daher steht es bis heute leer.“ Es ist ein weißes Haus mit rotem Ziegeldach. Die Herrschaften betraten den Innenhof über ein aus Granit gemauertes Tor, während das Dienstpersonal über ein direkt an der Straße liegendes Tor eintrat, das eine Droschke spielend passieren konnte. Die Torpfosten enden an der Spitze mit kunstvoll gearbeiteten Meereswellen aus mehreren Steinschichten. Die Pfosten sind durch einen Monolithen aus Granit miteinander verbunden. Über dessen Mitte erhebt sich eine zierliche wie ein Baumstamm gestaltete Skulptur; eine Baumkrone überwölbt sie. Zur Eingangstür hinauf führt eine sechsstufige Granittreppe, über die die sicher wohlhabenden Eigentümer hinaufgingen. Für deren Wohlstand sprechen verzierte Fenstergiebel mit aufwändiger wellenförmiger Ornamentik. Es gibt noch ein weiteres, aber kleineres, barockes Haus im Stadtzentrum.

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